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Zum Warten bin ich schon zu alt

Zum Warten bin ich schon zu alt

Zu den Jahreskreisfesten ziehe ich immer eine Orakelkarte für mich aus dem Engelalm-Orakelkarten-Set. Und dieses Mal kam zum Thema Sommersonnenwende die Karte Krisenlösung mit der Affirmation „Die Lösung ist in mir“. Und weil das Universum manchmal einen recht deutlichen Humor hat, ist dieselbe Karte auch noch für den Newsletter, den ich für Kundinnen schreibe, aufgetaucht. Spätestens da war klar, dass ich wohl etwas genauer hinschauen sollte.

Die Karte Krisenlösung erscheint manchmal, wenn wir auf etwas warten, das sich nicht bewegt. Wenn wir hoffen, dass von außen etwas kommt, obwohl die eigentliche Bewegung längst in uns beginnen könnte. Während ich über die Karte nachgedacht habe, blieb ich an einem Thema hängen, das vermutlich viele Menschen kennen.

Wir warten.

Wir warten auf den Anruf, auf die Einladung, auf die Nachricht, auf die Kundin, auf die Anerkennung, auf die Gelegenheit... Und während wir warten, beginnt in unserem Kopf oft ein kleiner Film. Vielleicht bin ich nicht wichtig genug. Vielleicht denkt niemand an mich. Vielleicht bin ich nicht interessant genug. Vielleicht will niemand Zeit mit mir verbringen.

Das Verrückte daran ist, dass die andere Person oft genau dieselben Gedanken haben könnte. Beide warten. Beide hoffen. Beide fühlen sich vielleicht ein bisschen übersehen. Und niemand greift zum Telefon.

Ich glaube inzwischen, dass die eigentliche Krise oft gar nicht das Problem selbst ist. Die Krise entsteht dort, wo wir glauben, nichts tun zu können. Dort, wo wir vergessen, dass wir selbst anrufen könnten. Dass wir selbst einladen könnten. Dass wir selbst den ersten Schritt machen könnten.

Mit 62 gehöre ich inzwischen zu den älteren Frauen. Und nein, ich fühle mich nicht wie 35. Große Göttin bewahre. Ich fühle mich ziemlich genau wie 62 und finde das eigentlich ziemlich wunderbar (gut, ich gebe es zu, meine Hüfte meint, sie hätte schon mit 35 mehr Freude...). 62 bedeutet für mich nicht weniger Leben, sondern mehr Erfahrung. Mehr Geschichten, mehr Irrtümer, mehr Erkenntnisse und auch mehr Freiheit. Gleichzeitig merke ich, dass Zeit für mich kostbar geworden ist. Nicht knapp oder bedrohlich, aber doch kostbar. Und genau deshalb möchte ich sie nicht mit endlosem Warten verbringen.

Während ich nun über die Karte Krisenlösung nachdenke, musste ich plötzlich an meine aktuelle Begeisterung für eine Wohnbaugruppe denken, die ich vor Kurzem kennengelernt habe. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, dass dort eigentlich genau dieselbe Botschaft verborgen liegt.

Nach meiner Scheidung und meiner sehr bewussten Ent-Scheidung, nicht mehr mit einem Partner oder einer Partnerin zusammenwohnen zu wollen, hatte ich eine wichtige Erkenntnis gewonnen. Ich wollte keine gemeinsame Wohnung mehr. Das war eine gute Entscheidung.

Irgendwann wurde daraus jedoch fast unmerklich etwas anderes. Aus „Ich möchte nicht mehr mit einem Menschen zusammenwohnen“ wurde „Ich möchte alleine wohnen“. Und aus „Ich möchte alleine wohnen“ wurde irgendwann „Ich werde wohl immer alleine leben“. Das erschien mir logisch.

Bis ich dieses Konzept des Gemeinsam Wohnens genauer kennengelernt habe.

Und plötzlich fiel mir etwas auf, das eigentlich ganz einfach ist. Ich liebe gar nicht das Alleinsein. Ich liebe meine eigene Wohnung. Das ist etwas völlig anderes.

Ich bin sehr gerne mit Menschen zusammen. Ich singe gerne mit Menschen. Ich arbeite gerne mit Menschen. Ich begleite gerne Menschen. Ich koche und esse gerne mit Menschen. Ich engagiere mich gerne. Ich mag Gemeinschaft.

Was ich nicht möchte, ist eine gemeinsame Wohnung. Ich brauche meinen Rückzugsort – für mich ganz allein.

Und genau in diesem Moment wurde mir klar, dass ich jahrelang nur zwischen zwei Möglichkeiten gedacht hatte. Entweder Partnerschaft oder Alleinsein. Entweder gemeinsame Wohnung oder Einzelwohnung. Entweder Nähe oder Freiheit.

Dabei gibt es noch so viele andere Möglichkeiten. Gemeinschaft ohne Partnerschaft, Nähe ohne Verschmelzung, Verbundenheit ohne Abhängigkeit. Eine eigene Wohnung und trotzdem Menschen im Miteinander. Gemeinsame Räume, gemeinsame Projekte, gemeinsames Leben – und trotzdem eine eigene Tür, die man hinter sich schließen kann.

Plötzlich stand da eine Möglichkeit, die ich vorher gar nicht auf meinem inneren Bildschirm hatte. Nicht, weil sie neu gewesen wäre, sondern weil ich sie nie in Betracht gezogen hatte.

Und genau das empfinde ich heute als eine der schönsten Formen von Krisenlösung.

Nicht weil die Wohnbaugruppen-Idee die Lösung für alles wäre. Sondern weil sie mir gezeigt hat, dass ich die falsche Frage gestellt hatte.

Vielleicht machen wir das öfter. Vielleicht suchen wir die Lösung zwischen A und B und übersehen dabei, dass es auch C, D und E gibt. Vielleicht verbringen wir Jahre damit, die richtige Antwort zu suchen, obwohl wir eigentlich die falschen Fragen stellen.

Die Sommersonnenwende ist das Fest der Fülle. Und Fülle bedeutet nicht nur Geld, Erfolg oder Sicherheit. Fülle bedeutet auch Möglichkeiten, Ideen, Begegnungen, Gemeinschaft... Wege... in unser Leben einzuladen, die wir bisher noch gar nicht gesehen haben.

Vielleicht ist genau das die Einladung dieser Zeit. Nicht nur zu fragen: „Was fehlt mir?“ sondern auch: „Welche Möglichkeiten habe ich bisher übersehen?“

Die Karte Krisenlösung hat mich jedenfalls heuer daran erinnert, dass die Lösung manchmal wirklich in uns stattfinden muss, denn zum Warten bin ich einfach zu alt!

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