Ich mag Formulare nicht besonders aus vielen Gründen aber einer davon ist die Entscheidung fürs richtige Kreuzerl. Bin ich ledig, verheiratet, geschieden oder verwitwet?
Ja, klar ich weiß schon, dass ich zweimal verheiratet war und es ist nur ein Formular. Ein Kreuzerl zu machen dauert keine Sekunde. Und trotzdem sitze ich jedes Mal davor und denke mir „Ernsthaft, hier soll ich mich jetzt WIEDER einordnen?". Natürlich weiß ich, welches Kästchen ich ankreuzen sollte. Ich bin rechtlich zweimal geschieden, das ist kein Geheimnis und auch nichts wofür ich mich schämen müsste. Es gehört zu meiner Biografie. Aber eines ist auch klar – es ist vergangen. Und warum sollte ich ausgerechnet ein Ereignis, das viele Jahre zurückliegt, meine heutige Identität beschreiben. Wichtige Ereignisse in meinem Leben gibt es viele, aber ich käme nie auf die Idee, mich im privaten Bereich heute darüber zu definieren.
Warum also ausgerechnet über eine Scheidung?
Ich soll doch einfach das Kästchen „ledig“ verwenden? Ein völlig harmloser Begriff, könntest du glauben. Rein sprachlich bedeutet er einfach „nicht verheiratet“. Aber Hand aufs Herz – welche Bilder tauchen bei dir dabei auf? Ganz oft schwingt doch unterschwellig dieses „noch nicht“ mit – oder? Noch nicht den „Richtigen“, die „Richtige“ gefunden, „noch nicht angekommen“, „noch nicht verheiratet. Als wäre das eigentliche Leben irgendwo da vorne und wir haben den Bus verpasst oder warten noch immer.
Wie ist es mit „verwitwet“? Auch dieser Begriff erzählt vor allem eine Geschichte über etwas, das einmal war. Für viele Frauen ist das eine stimmige Bezeichnung und selbstverständlich darf sie das sein. Aber auch hier frage ich mich – muss ein Verlust mein Leben bis an mein Lebensende überschreiben (außer ich heirate wieder...)?
Interessanterweise bleibt nur ein Kästchen übrig, das eine Gegenwart beschreibt – VERHEIRATET!
Die anderen erzählen ja von „noch nicht“ oder einem „nicht mehr“. Und genau da purzeln meine Gedanken in meinem Kopf herum.
Ist dir aufgefallen, dass wir Frauen uns sprachlich noch immer oft über unsere Beziehung zu einem Mann definieren oder eingekastelt werden?
Ledig, verheiratet, geschieden, verwitwet... alles das sind keine Persönlichkeits- sondern Beziehungsbeschreibungen. Und genau darin steckt für mich ein ziemlich alter Blick auf uns Frauen. Nicht böse oder absichtlich gemeint (ein Schelm wer anders denkt) aber aus dem Besitzdenken des Patriarchats historisch gewachsen.
Über Jahrhundert war der Familienstand einer Frau die wichtigste Information überhaupt. Er entschied über Ansehen, Rechte, wirtschaftliche Sicherheit und gesellschaftliche Möglichkeiten. Kein Wunder also, dass unsere Sprache bis heute voller solcher Begriffe ist.
Und darum fehlt mir ein Kästchen auf den Formularen. Denn dieses Kästchen macht sichtbar, dass es Frauen gibt, die weder auf etwas warten noch sich über die Vergangenheit definieren wollen. Frauen, deren Leben nicht in einer Warteschleife hängt und auch nicht im Rückspiegel feststeckt. Frauen, die einfach in ihrer Gegenwart leben.
Daher verwende ich für mich seit einiger Zeit einen Begriff den ich im Buch von Katja Kullmann „Die singuläre Frau“ gelesen habe. Sie spricht von der Solistin.
Als Musikerin liebe ich dieses Wort und das Bild, das für mich damit transportiert wird. Eine Solistin spielt oder singt manchmal in einem Orchester, im Ensemble, im Duo und manchmal ganz allein. Aber niemand käme auf die Idee, sie über die Anzahl ihrer Mitspielenden zu definieren. Sie bleibt Solistin. Genau das berührt mich an diesem Bild. Eine Solistin ist nicht gegen Gemeinschaft. Sie liebt das Zusammenspiel. Sie entscheidet sich bewusst für Nähe, Freundschaft, Liebe und Kooperation, aber sie verliert sich dabei nicht. Ihre Identität hängt nicht davon ab, ob gerade jemand neben ihr steht oder nicht. Sie hat ihre eigene Stimme gefunden und bringt sie in das gemeinsam Konzert ein.
Genau das berührt mich an diesem Bild.
Deshalb ist „Solistin“ für mich auch kein trotziges Gegenmodell zur Partnerschaft. Es ist kein Etikett für Frauen, die enttäuscht wurden, und schon gar keine Abwertung von Ehe oder Familie. Ich kenne glückliche Frauen in Partnerschaften und glückliche Solistinnen. Ich kenne unglückliche Frauen in beiden Lebensformen ebenso. Das Glück eines Menschen entscheidet sich nicht an seinem Familienstand, sondern an der Qualität seines Lebens und seiner Beziehungen.
Du sagst, dass das nur Begriffe sind? Und ein weiteres Kästchen auf dem Formular das eigentliche Problem nicht lösen würde? Jein – Sprache schafft Wirklichkeit und allein die harte Diskussion über dieses Kästchen würde uns schon viel über die Haltung der Gesellschaft verraten. Hörst du schon die Gegenstimmen? Das allein wäre schon eine wunderbare Beobachtung wert. Vermutlich wird es noch eine (oder mehr) Generation brauchen, bis über das zusätzliche Kreuzchen diskutiert wird.
Bis es soweit ist, kreuze ich entweder nix an oder ich schreibe „Solistin“ dazu und mache hier mein "JA". Und dieses Kreuzerl fühlt sich für mich verdammt nach Gegenwart an. Mit diesem "JA" zur Solistin stehe ich zum meinem Recht, meine Gegenwart für mich zu definieren!
Eure Solistin Claudia