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Die Frau im Licht 2/3 - ESC-Prinzessinnen im Glitzerkäfig

Die Frau im Licht 2/3 - ESC-Prinzessinnen im Glitzerkäfig

Nach meinem letzten Blog über Auralina, die spirituelle Lichtfrau mit wallendem Haar, wollte ich eigentlich über Markenaufbau schreiben. Da ist mir doch der ESC (European Song Contest 2026) mit einer ganzen Parade an „Linas“ dazwischengefunkt.

Ich habe mich gefragt, ob ich inzwischen hyperkritisch bin und ob meine feministische Antenne vielleicht ein bisserl überempfindlich reagiert. Oder (rhetorische Frage!) ob einfach tatsächlich etwas dran an meinem Gefühl, dass Frauen in unserer Kultur erstaunlich oft nach einem sehr bestimmten optischen Drehbuch funktionieren müssen.

Also habe ich mich mit Block und Bleistift bewaffnet und mir die 26 Finalist*innen nochmal ganz genau angeschaut. Aber nicht wegen der Musik... also rein in die kleine Feldstudie:

Es waren 26 Acts, davon 13 Männer und 13 Frauen, weil ich ein Duo aufgeteilt habe. Und was soll ich sagen? Es war ernüchternd, eindeutig und hat meinen Spontaneindruck ziemlich zuverlässig bestätigt.

Die Männer durften ziemlich viel sein. Schräg, Kunstfiguren, verkleidete Bühnenwesen, exzentrische Kostümträger, Muskelarchetypen, Charakterköpfe und sogar ganz normal. Kurz gesagt Männer durften Buntheit und Verschiedenheit zeigen.

(Bild mit KI erstellt).

Die Frauen waren irritierend einheitlich. Alle schlank, alle langhaarig, alle attraktiv nach dem gängigen Schönheitscode, figurbetont gekleidet bis hin zu sexy, perfekt geschminkt, perfekt gestylt. Alle bühnenkompatibel in einer Weise, die erstaunlich klar erzählt, wie weibliche Sichtbarkeit offenbar auszusehen hat. Alle verblüffend ähnlich. Keine ältere Frau, keine bewusst skurrile Bühnenfigur, keine Frau, die das visuelle Raster einmal so richtig lustvoll zerlegt hätte. Keine, bei der ich gedacht hätte: „Super spannend, hier dürfen einfach Charakter und Können auf die Bühne.

Und da stand sie wieder im Raum – die perfekte (Aura-)Lina!

Bevor du jetzt sagst, das ist doch bloß Unterhaltung... möchte ich freundlich, aber bestimmt widersprechen. Gerade Unterhaltung ist NIE nur Unterhaltung. Unterhaltung ist unser kulturelles Schaufenster in die Realität. Dort sehen wir ziemlich unverstellt, was wir attraktiv finden, wem wir Sichtbarkeit zugestehen und unter welchen Bedingungen Menschen als „bühnenwürdig“ gelten. 

Dieses Muster kennen wir übrigens nicht nur vom ESC. Das funktioniert seit Jahren auch in Castingshows. Manchmal gibt es eine Ausnahme. Wenn du optisch nicht entsprichst, dann musst du außergewöhnlich sein, spektakulär, genial, überragend, umwerfend talentiert. Die blinde, mollige Frau, die mit Anlauf auf die Bühne springt, beweglicher ist als jedes Eichhörnchen und dann besser singt als die ganze Konkurrenz.

Das Publikum liebt diese Geschichten, weil sie scheinbar inspirierend sind. Weil sie die „Aschenputtel“ dieser Welt auf die große Bühne holen. Mich machen diese Geschichten wütend, weil darunter oft dieselbe unausgesprochene Regel liegt: „Wenn du nicht dem Bild entsprichst, dann musst de es eben durch Höchstleistungen kompensieren!“

Und nochmal ganz klar – das ist kein Angriff auf schöne Frauen. Denn die haben das System nicht erfunden. Sie profitieren in manchen Bereichen davon, zahlen in anderen wiederum ihren ganz eigenen Preis. Denn in der Realität schützt Attraktivität bekanntlich weder vor Sexismus noch vor Entwertung. 

Es geht also nicht um Schuld sondern wieder einmal um das Muster. Und die eigentliche Frage dahinter lautet: „Warum muss weibliche Sichtbarkeit so oft an ästhetische Bedingungen geknüpft sein?“

Und nein – ich habe nicht den Eindruck, dass das Thema vorbei ist. Eher im Gegenteil. Es wird in vielen Bereichen gerade wieder enger.

Ja, es gab auch beim ESC Zeiten, in denen nicht-normschöne Frauen auf der Bühne standen. Meist mit beeindruckendem Können, aber immerhin. 2026 hingegen wirkt das Bild erstaunlich homogen.

Weiblich-ästhetischer Einheitsbrei beim ESC, in Social Media, in Wellnesswelten, Lifestylemarken und sogar die alten weisen Hexen im magisch-mystischen Kontext müssen im Netz jung, sexy und makellos rund ums Feuer tanzen – spirituelle Prinzessinnen-Phantasiewelt.  

Frauen müssen das Schönheitsbild erfüllen, Männer dürfen Vielfalt und Buntheit zeigen und „Typen“ sein. 

Warum habe ich da eigentlich ein Auge dafür? Warum regt mich das so auf? Weil mich das Schönheitsthema bzw. die Ungleichheit der Bewertung aus mehreren Richtungen berührt. 

Einerseits war ich selbst nie eine dieser weichgespülten Beauty-Frauen. Andererseits begleite ich als Psychosoziale Beraterin seit vielen Jahren Frauen und ihre Geschichten. Und das Leid, das aus diesen gesellschaftlichen Mustern, dieser patriarchal geprägten Ungerechtigkeit entsteht, ist nicht eingebildet.

Ich kann in der Beratung oder im Coaching innere Stimmen stärken, Selbstbilder hinterfragen und Frauen darin unterstützen, sich selbst klarer zu sehen. Aber ich kann gesellschaftliche Diskriminierung nicht einfach wegcoachen.

Oder vielleicht doch ein kleines Stück. Mit dem Schreiben solcher Blogs. Mit dem Posten unbequemer Gedanken. Und mit dem Aushalten jener Kommentare, die ziemlich zuverlässig auftauchen, sobald Frauen gesellschaftliche Muster benennen.

Was mit den Frauen ist, die nicht (Aura-)Lina sind oder werden wollen, was mit den Alten, den Weisen, den Unbequemen, den anderen – genau das schauen wir uns in Teil 3 dieser Blogreihe an. 


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